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Wie Rakowskij schon früher erläutert hat, waren Lenin und erst recht Stalin
ihren revolutionären «Verpflichtungen» nicht mehr weiter nachgekommen,
nachdem sie Rußland in ihre Hand bekommen hatten. Lenin hatte es mit der
Ausweitung der russischen Revolution auf Deutschland nicht mehr eilig, sobald
er fest im Sattel saß. «Wenn wir für den Sieg der deutschen Revolution
umkommen müßten», sagte er, «wir wären verpflichtet, es zu tun. Die deutsche
Revolution ist unermeßlich wichtiger als die unsrige. Aber wann wird sie
kommen? Unbekannt! Augenblicklich gibt es deshalb auf der Welt nichts
Wichtigeres als unsere Revolution. Man muß sie sichern um jeden Preis.» (Zit.
n. Müller 1982, S. 310) Lenin meinte nicht die Revolution, sondern seine eigene
Macht; die galt es mit allen Mitteln zu sichern! Dieser unvorhergesehene
Umstand machte den Geheimen Oberen zunächst einen Strich durch die
Rechnung, die also umgehend neu aufgestellt werden mußte. Es gelang ihnen
(siehe Band 1!) zwar, Lenin unauffällig vergiften zu lassen, aber alle Versuche
der Trotzkisten als unmittelbarer Werkzeuge der Schatten-Weltregierung, den
daraufhin statt Trotzki an die Spitze gelangten Stalin zu stürzen, schlugen fehl,
weil Stalins perfekt durchorganisiertes Spitzelsystem ihnen keine Chance ließ.
«"Jene" erkannten am Ende», berichtet Rakowskij weiter, «daß Stalin durch
einen Staatsstreich nicht gestürzt werden konnte. Und ihre geschichtliche
Erfahrung diktierte ihnen eine andere Lösung: Mit Stalin dasselbe zu machen
wie einst mit dem Zaren. ... Nur Deutschland war bevölkerungsmäßig und
strategisch in der Lage, um in Sowjetrußland einzufallen und Stalin Niederlagen
zuzufügen. Aber, wie Sie verstehen werden, war die Republik von Weimar nicht
so angelegt, daß sie andere hätte angreifen können, sondern so, daß andere sie
angreifen konnten.
Und am Himmel des deutschen Hungers begann das flüchtige Gestirn Hitlers zu
erglänzen. Ein scharfsinniges Auge richtete sich darauf. Die Welt hat seinen
fulminanten Aufstieg bewundert. Ich will nicht sagen, daß das alles unser Werk
gewesen wäre. Die revolutionärkommunistische Wirtschaft von Versailles führte
ihm immer größere Massen zu. Auch wenn sie nicht eingerichtet worden wäre,
um Hitlers Sieg herbeizuführen - die Voraussetzung, die Versailles für
Deutschland schuf, waren Verproletarisierung, Hunger und Arbeitslosigkeit, und
die Folge davon hätte der Triumph der kommunistischen Revolution sein sollen.
Weil jedoch diese durch Stalins Führung der Sowjetunion und der Internationale
vereitelt worden war und man Deutschland nicht dem neuen Bonaparte
überlassen wollte, milderten der Dawes- und Young-Plan diese
Voraussetzungen etwas, in der Erwartung, daß in Rußland die (Anm.:
trotzkistische, also illuminierte) Opposition siegen würde. Als das nicht eintrat,
mußten die Voraussetzungen, die man geschaffen hatte, ihre Folgen haben: Der
wirtschaftliche Determinismus (Anm.: die Zwangslage) in Deutschland zwang
seinem Proletariat die Revolution auf. Da durch Stalins Schuld die
sozial-internationale Revolution verhindert worden war, stürzte sich das