Rakowski Protokoll.pdf

Vista previa de texto
Natürlich muß die Hochgradmaurerei als bereits beträchtlich in die letzten Ziele
der Geheimen Oberen eingeweihtes Organ rot, links, kommunistisch sein. So
schrieb denn auch K. Lerich 1937 (S. 42f): «In Sowjetrußland ist die
Freimaurerei gegenwärtig zum Scheine verboten. ... Vielfach wurde über den
Tatbestand, daß die Sowjets gegen die Freimaurer feindselig aufgetreten sind,
unter dem Bilde gesprochen, daß die Söhne morddrohend vor die Väter
hingetreten sind: denn im Grunde genommen ist der Bolschewismus ein echtes
geistiges Kind der liberalen Humanität der Loge, ist der große
geistesgeschichtliche Zusammenhang von freimaurerischem Liberalismus über
Marxismus zum Bolschewismus hin ein unverkennbarer. Tatsächlich war auch
die russische Freimaurerei von ihrem Anfange an bis zu dem Verbote durch die
Sowjets eine ständige Wegbereiterin der Revolutionierung der Massen gewesen:
Sie schuf die Aufklärung in Rußland, unter ihrer Führung stand die erste gegen
die
Zarenherrschaft
gerichtete
Revolution,
der
Aufstand
der
sogenannten Dekabristen. ... Die verschiedenen Regierungen nach dem Sturz
des Zarentums im Jahre 1917 waren von Freimaurern durchsetzt, vor allem die
Regierung des Bruders Kerensky.» Diese Angaben werden in schönster Weise
durch die davon gänzlich unabhängigen Aussagen des ebenso wie Lerich im 33.
Grad stehenden, allerdings noch erheblich tiefer eingeweihten Freimaurers
Rakowskij ergänzt, der Kuzmin gegenüber freimütig erklärte, Kerensky, der
Anführer der «Weißen Armee» im Kampf gegen die zahlenmäßig und
ausrüstungsmäßig weit unterlegene «Rote Armee» habe als Wissender dafür
gesorgt, daß die Weißen eine Niederlage nach der anderen erlitten, und sich zum
Schluß den Roten ergeben mußten, deren Revolution damit «gesiegt» hatte (vgl.
Griffin 1980, S. 298). Bekanntlich blieb der Verräter Kerensky anders als der
Zar unbehelligt und ist erst 1970 friedlich gestorben.
Da auch nach Lerichs allerdings sehr unvollständigem Einblick Freimaurerei
und Kommunismus identisch sind, muß man wohl oder übel nach einer
plausiblen Antwort auf die Frage suchen, was die Sowjets nach 1917 dazu trieb,
die Freimaurerei so vehement zu bekämpfen. Wäre es denn nicht weitaus klüger
gewesen, ihre Existenz zu verschweigen, wie es ja auch im (noch) nicht
kommunistischen Westen mit leidlichem Erfolg praktiziert wurde und wird?
Nun, die Freimaurerei hatte in Rußland ihre Mission erfüllt; der Mohr hatte
seine Schuldigkeit getan, er konnte gehen. Allerdings betrachteten die Geheimen
Oberen auf der einen und Lenin sowie sein Nachfolger Stalin auf der anderen
Seite die Lage nach 1917 mit durchaus unterschiedlichen Augen. Wie
Rakowskij Kuzmin auseinandersetzte, hatte Lenin, der in direkter Verbindung
mit hochrangigen Rothschildagenten stand, seinen Auftrag 1917 nur teilweise
erfüllt; eigentlich hätte er die Revolution sofort auf das Baltikum und das
Deutsche Reich ausdehnen sollen; geplant war ja die Weltrevolution. Aber
Lenin fand Gefallen an der soeben erlangten Macht und war bestrebt, sie
zunächst einmal abzusichern, bevor er sich auf weitere unsichere Abenteuer
