Rakowski Protokoll.pdf

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Staates kann uns heute nicht bewegen. Ich sage das, indem ich noch
einmal betone, daß dieser Staat am allermeisten antikommunistisch
ist. Sie sehen, ich bin offen.
Kuz.: Ich erkenne es, und das ist auch der einzige Weg, damit wir uns
verstehen. Ich bitte Sie jedoch noch um eine Erklärung für etwas, was
ich als einen Widerspruch in sich empfinde: Wenn für Sie der
sowjetische Staat der am meisten antikommunistische ist - warum
wünschen Sie heute nicht seine Zerstörung? Ein anderer wäre doch
weniger antikommunistisch, also ein geringeres Hindernis, damit Sie
Ihren reinen Kommunismus einführen könnten ...
Rak.: Nein, das ist eine allzu vereinfachte Deduktion. Auch wenn
Stalins Bonapartismus dem Kommunismus so entgegengesetzt ist wie
Napoleon der Revolution, ist es augenfällig, daß die Sowjetunion doch
weiter eine kommunistische Lehre und Form hat; sie hat einen
formalen, keinen realen Kommunismus. Und wie das Verschwinden
Trotzkijs es Stalin erlaubte, automatisch den realen in den formalen
Kommunismus zu verwandeln, so wird das Verschwinden Stalins uns
erlauben, seinen formalen in einen realen Kommunismus zu
verwandeln. Eine Stunde würde uns genügen. Haben Sie mich
verstanden?
Kuz.: Ja, natürlich. Sie haben uns eine klassische Wahrheit gesagt,
nämlich daß niemand zerstört, was er zu erben wünscht. Nun gut, das
alles ist ein sophistisches Gespinst. Es gründet sich auf eine Annahme,
die von den Tatsachen widerlegt wird, nämlich auf Stalins
Antikommunismus. Gibt es Privateigentum in der Sowjetunion? Gibt
es persönlichen Mehrwert? Gibt es Klassen? Ich will nicht mehr
Tatsachen anführen - wozu auch?
Rak.: Ich habe Ihnen das Bestehen eines Formalkommunismus ja
zugestanden. Alles, was Sie anführen, sind hohle Formen.
Kuz.: So? Und zu welchem Zweck? Etwa aus bloßer Laune?
Rak.: Nein, es ist eine Notwendigkeit! Es ist nicht möglich, die
materialistische Entwicklung der Geschichte aufzuhalten, um so
