Rakowski Protokoll.pdf

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kategorischer Imperativ der wirklichen, nämlich revolutionären, nicht
der wissenschaftlichen Natur von Marx gewesen. Ein Revolutionär,
ein Konspirateur enthüllt doch niemals dem Gegner das Geheimnis
seines Sieges. Er gibt ihm doch niemals Information - er gibt ihm
"Desinformation", wie Sie es in der Gegenspionage zu tun pflegen.
Nicht war?
Kuz.: Damit kommen wir also nach Ihrer Darstellung zu dem Schluß,
daß es keine Widersprüche im Kapitalismus gibt, und daß, wenn Marx
auf solche hinweist, dies nur ein strategisch-revolutionäres Hilfsmittel
ist. So ist es doch? Aber die kolossalen, dauernd zunehmenden
Widersprüche im Kapitalismus sind doch vorhanden. Daraus also
ergibt sich, daß Marx lügend die Wahrheit sagte.
Rak.: Sie werden als Dialektiker gefährlich, wenn Sie den Zügel der
scholastischen Dogmatik zerreißen und Ihrem eigenen Ingenium freie
Bahn lassen. Es stimmt - Marx sagte lügend die Wahrheit. Er log, als
er den Irrtum, den inneren Widerspruch als "Konstante" der
Wirtschaftsgeschichte des Kapitals proklamierte und sie für "natürlich
und schicksalhaft" erklärte; jetzt aber: er sagte die Wahrheit, denn er
wußte bereits, daß die Widersprüche sich in steigendem Maße
produzieren und vermehren würden bis zu ihrem Höhepunkt.
Kuz.: Dann - jetzt werden Sie antithetisch.
Rak.: Hier besteht keine Antithese. Marx täuscht aus taktischen
Gründen über den Ursprung der Widersprüche im Kapitalismus, nicht
über ihr augenfälliges Bestehen hinweg. Marx wußte, wie sie sich
erzeugen, verschärfen und endlich die totale Anarchie der
kapitalistischen Produktion als Einleitung zum Triumph der
kommunistischen Revolution bewirken würden. Er wußte, daß sie sich
ereignen würden, weil er diejenigen kannte, die sie produzierten.
Kuz.: Es ist eine eigenartige Neuheit, jetzt zu entdecken, daß es nicht
das Wesen und ihm eingeborene Gesetz des Kapitalismus ist, das ihn
dazu bringt, sich "selbst zu töten", wie es mit einer glücklichen
Formulierung,
Marx
bestätigend,
ein
bürgerlicher
